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20.10.09
Probleme im Arzt-Patienten-Verhältnis verstehen

Ein Blick in einschlägige Internetforen genügt und es wird deutlich, dass die Unzufriedenheit der Hashimoto-Patienten mit ihren behandelnden Ärzten ein erschreckendes Ausmaß angenommen hat. Aber warum ist das eigentlich so?

Schilddrüsenerkrankungen wie die Hashimoto-Thyreoiditis werden oft erst sehr spät, nach jahrelangem und häufig zermürbendem Leidensweg mit unzähligen Fehldiagnosen, erkannt. Dafür gibt es unzählige Gründe. Besonders in der Anfangsphase sind die Symptome noch unspezifisch und wenig beeinträchtigend. Zyklusunregelmäßigkeiten werden vorschnell als Befindlichkeitsstörungen abgetan, trockene Haut und Haarausfall als kosmetische Probleme angesehen und für eine verstärkte Nervosität wird die aktuell stressige Lebenssituation verantwortlich gemacht. Bei der Vielzahl an möglichen Symptomen fällt es auch oft schwer die Komplexität der Erkrankung zu erkennen und einer einzigen Ursache zuzuordnen. Wegen der Zyklusunregelmäßigkeiten wird der Gynäkologe aufgesucht, bei Haarproblemen wendet man sich an Friseur, bezüglich der Magen-Darmbeschwerden geht man zum Hausarzt und die zunehmende Nervosität behandelt man selbst mit freiverkäuflichen Beruhigungsmitteln. Viele der durch eine Schilddrüsenerkrankung verursachten Beschwerden (Übelkeit, Gewichtsschwankungen, Durchfall oder Verstopfung) sind außerdem uncharakteristisch und besonders wenn nur wenige Krankheitssymptome vorhanden sind, können sie leicht mit anderen Erkrankungen verwechselt werden. Und gerade die möglichen psychischen Auswirkungen von Schilddrüsenerkrankungen (Nervosität, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit, Schlafstörungen) führen durch ihre Verwechselbarkeit mit psychischen Erkrankungen zu Fehldiagnosen wie Depression oder Angststörung. Außerdem kommt hinzu, dass das medizinische Wissen über die Hashimoto-Thyreoiditis nur sehr unzureichend ist. An den Universitäten wird sie als Hauptursache einer erworbenen Schilddrüsenunterfunktion kurz erwähnt und genauso wie in den meisten Fachbüchern wird dann nur noch darauf verwiesen, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt. Da ist es kein Wunder, dass die Hashimoto-Thyreoiditis bei der Mehrzahl der Ärzte fälschlicherweise als weitgehend belanglose Erkrankung gilt.

Die Diagnose Hashimoto-Thyreoiditis zu erhalten heißt noch lange nicht auch eine gute Behandlung zu bekommen. In einer Zeit, in der Ärzte zunehmend zwischen Patientenwohl und Wirtschaftlichkeit ihrer Praxis abwägen müssen, wird oft nur noch das Nötigste gemacht. Schilddrüsenhormon- und Antikörperbestimmungen belasten das Budget, so dass die Zeiträume zwischen einzelnen Kontrolluntersuchungen verlängert und wenn überhaupt nur wenige Werte untersucht werden. Und für ausführliche Gespräche, um Patientenfragen zu beantworten und einen individuell angemessenen Behandlungsplan zu erstellen, bleibt oftmals keine Zeit. Ein derartiges Verhalten der Ärzte löst bei vielen unzufriedenen Patienten das Bedürfnis aus sich selbst zu informieren und sich anschließend auch selbst zu helfen. Neuere Medien, insbesondere das Internet bieten dazu hervorragende Möglichkeiten. Gleichwohl gibt es Ärzte, die den informierten Patienten, der Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt, als Querulanten betrachten, der ihre eigene Expertenmacht gefährdet. In älteren Lehrbüchern wird die Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion zudem als besonders dankbare Aufgabe für den Arzt dargestellt, da sie angeblich einfach und nebenwirkungsfrei zu behandeln ist und es schnell zu durchgreifenden Verbesserungen beim Patienten kommt. Patienten, die mit einer vermeintlich harmlosen Hashimoto-Thyreoiditis in eine Arztpraxis kommen und trotz laborchemisch guter Einstellung über anhaltende gesundheitliche Beeinträchtigungen klagen, laufen Gefahr als psychisch krank eingestuft zu werden. Denn einem Patienten nicht helfen können, empfinden Ärzte oftmals als Niederlage. Aber anstatt sich selbst Versäumnisse einzugestehen und die Grenzen der eigenen Handlungsfähigkeit zu erkennen, werden solche Problemfälle der Psychoecke zugeordnet. Der Arzt schiebt die Verantwortung von sich, indem er dem Patienten eine Mitschuld an seiner Erkrankung einredet. Anscheinend ist Ärzten nicht bewusst, dass sie einem Patienten durch dieses Verhalten noch zusätzliches Leid zufügen.

Andererseits - Kein Arzt kann bei dem rasanten medizinischen Fortschritt sowie der ungeheuren Anzahl von unterschiedlichsten Krankheiten und Behandlungsmethoden bei jeder Krankheit auf dem jeweils neuesten Stand der Wissenschaft sein. Das Problem entsteht, wenn der Arzt einerseits die uneingeschränkte Anerkennung seiner medizinischen Fachkompetenz durch den Patienten erwartet und andererseits die Krankheitssymptome, Ängste und Überlegungen seiner vielleicht hervorragend informierten Patienten selbst nur wenig ernst.nimmt. Erschwerend kommt hinzu, dass der Handlungsspielraum des Arztes eng begrenzt ist. Denn die Ursache der Hashimoto-Thyreoiditis ist derzeit schulmedizinisch nicht behandelbar. Selbst der beste Schilddrüsenspezialist kann diese Krankheit nicht heilen. Es kann lediglich der bei fortgeschrittener Erkrankung bestehende Mangel an Schilddrüsenhormonen durch die lebenslange Zufuhr synthetisch hergestellter Schilddrüsenhormone ausgeglichen werden. Wenn es dem Patienten trotz individueller Einstellung mit Schilddrüsenhormonen nicht gut geht hat der Arzt kaum darüber hinausgehende Möglichkeiten. Das ein oder andere Krankheitssymptom lässt sich lindern, aber wenn der Patient auch dadurch keine zufriedenstellende Lebensqualität erreicht, ist der Arzt machtlos. Es kommt zu einer für beide Seiten unbefriedigenden Situation.

Kommentar zu diesem Text:
Silvia G. am 22.10.2009 um 13:03 Uhr - Ja, Sie haben vollkommen Recht mit mit dem was Sie schreiben. Ich habe selbst Morbus Basedow (seit 2001) und meine Erfahrung ist, dass sich die wenigsten Ärzte richtig auskennen. Darunter gibt es auch Fachärzte. Ich befasse mich seit Beginn meiner Krankheit mit dem Thema Schilddrüse, und habe wirklich den Eindruck,darüber besser Bescheid zu wissen,als mancher Arzt. Was mich am meisten stört ist, das oft nur stur nach den Laborwerten behandelt wird,und das Befinden Nebensache ist. Ich wäre dafür,dass Schilddrüsengeschichten nur von Fachärtzen behandelt werden düfen,da sich die Mehrzahl der Hausärzte wenig oder gar nicht auskennen und deshalb falsch behandeln. Gerade autoimmmune Schilddrüsenkrankheiten erfordern spezielles Wissen,oder die Deutung der Laborwerte sind teilweise auch nicht so einfach zu interpretieren. Und noch was: Es muss genauso als Kunstfehler angesehen werden wenn Ärzte Patienten auf die " Psychoschiene " schieben anstatt richtig zu untersuchen, wie Ärzte die bei Antikörper Tabletten mit Jod geben. Ich könnte mich da noch stundenlang darüber auslassen,aber ich beende hiermit an dieser Stelle. Freundliche Grüsse Silvia G.

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