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27.10.09
Andere Sichtweisen akzeptieren

Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen, Bekannte und Nachbarn können sich häufig nicht vorstellen, dass eine Schilddrüsenerkrankung zu länger anhaltenden Beeinträchtigungen führt. Deshalb haben ihre Äußerungen oftmals den Tenor: Eigentlich ist man ja selbst schuld, dass es einem so schlecht geht. Man hat zu viel Stress, schläft zu wenig, isst übermässig und macht natürlich zuwenig Sport. Man ist überempfindlich und hat sowieso die falsche innere Einstellung. Das gibt es gar nicht, dass die Ärzte eine Krankheit nicht zeitnah diagnostizieren oder dass eine Behandlung so lange Zeit nicht anschlägt. Wenn die Werte im Normbereich sind und die Ärzte nichts anderes gefunden haben, ist das alles nur eine Frage der Willensstärke. Nach dem Motto "Ich rauche nicht, also kriege ich keinen Lungenkrebs!" verdrängen Menschen so ihre Angst, dass sie selbst schwer erkranken könnten. Ausserdem ist es bequemer für sie, denn wenn sie einem, ihnen eigentlich nahestehenden Kranken, unterstellen selbst an seiner Situation schuld zu sein, dann fühlen sie sich weniger zur Hilfe ihm gegenüber verpflichtet.

Wenn jeder nur an sich denkt, dann ist an alle gedacht!

So jedenfalls sehen das viele Schilddrüsenkranke, die sich durch solche und ähnliche Aussagen ihres sozialen Umfelds gekränkt und verletzt fühlen. Aber kann es für dieses Unverständnis nicht auch ganz andere Gründe geben? So erleben Freunde, Eltern und Geschwister den Kranken oft nur an Tagen, wenn es ihm verhältnismässig gutgeht und nicht wenn es ihm schlechtgeht, weil er sich dann zurückzieht. Ganz anders der Partner der durch die Nähe zum Kranken sehr viel mehr aushalten muss und vielleicht deshalb nicht zuhört oder gereizt reagiert, weil er selbst an seine Belastungsgrenze stösst.

Die wenigsten Menschen verletzten andere absichtlich Sie haben nur ihre ganz persönliche Lebensgeschichte mit eigenen Erfahrungen, die ihre Sicht- und Verhaltensweisen prägen. Deshalb ist selbst der Austausch mit anderen Schilddrüsenkranken nicht unbedingt von mehr gegenseitigem Verständnis geprägt ist obwohl man dies eigentlich erwarten würde.

Ein Grund dafür ist die individuelle Krankheitsbewältigung jedes Einzelnen, z.B.

1. Den verleugnenden Umgang mit der eigenen Krankheit erkennt man an Äußerungen wie "Ich kann es mir nicht leisten krank zu sein.", "Wenn man sich nicht ständig selbst beobachtet ist das alles auch nicht so schlimm." oder "Ich gestatte mir eben kein Selbstmitleid."
... und wer sich selbst keine Schwäche zugesteht, bringt auch für die Schwächen der anderen kein Verständnis auf.

2. Die Suche nach dem Sinn der Krankheit zeigt sich an Fragen wie "Warum gerade ich?", "Was habe ich falsch gemacht?" oder "Wofür werde ich bestraft?" über die die Kranken unaufhörlich nachdenken.
... und wer sich selbst die Schuld an seiner Erkrankung gibt, der versucht auch bei anderen Fehlverhalten als Krankheitsursache zu erkennen.

3. Das Erkennen der Krankheit als Herausforderung, die man durch Sich-Selbst-Informieren, den Versuch soziale Unterstützung zu erhalten und einen insgesamt aktiven Umgang mit der Krankheit bewältigen kann.
... und wer sich selbst so verhält fordert Eigeninitiative und Engagement auch von anderen.

Weitere Gründe sind die individuell stark unterschiedlichen Krankheitsverläufe oder die verschiedenen Möglichkeiten die jemandem für die Bewältigung seines Lebens mit der Krankheit zur Verfügung stehen.

Urteile erst über einen Menschen, wenn du 10 Meilen in seinen Stiefeln gelaufen bist.



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